Wenn 13 sportliche Damen und ein tapferer Herr an einem heißen Sommertag um Punkt 9 Uhr vom Kieler Hauptbahnhof starten, weiß die Bahn: Heute wird’s fröhlich. Mit leichtem Gepäck, reichlich Wasserflaschen und der unumstößlichen Überzeugung, dass Treppensteigen auf Bahnsteigen auch Sport ist, machten wir uns auf den Weg gen Friedrichstadt – mit Umstieg in Husum, wo unser einziger Mann mit stoischer Ruhe die Rolle des „Hahn im Korb“ übernommen und den Hühnerhaufen zusammengehalten hat.
Die Sonne meinte es an diesem Tag besonders gut – vielleicht ein bisschen zu gut. Bei rund 30 Grad verwandelte sich der Bahnsteig kurzzeitig in eine mediterrane Piazza, nur dass statt Espresso eher der Gedanke an Schatten die Herzen höherschlagen ließ. In Friedrichstadt angekommen, wehte uns ein Hauch Niederlande entgegen: Grachten, Giebel, und dieser stille Charme, der einen sofort glauben lässt, es könnte gleich jemand Käse vorbeibringen. Bevor Kultur und Geschichte riefen, war selbstverständlich Stärkung dran: Eis, Fischbrötchen oder „was auch immer“ – wir sind ja eine sportliche, aber kulinarisch keineswegs zimperliche Gruppe. Das Spektrum reichte von Zitronensorbet (erfrischend wie eine frische Brise auf der Eider) bis Matjes im Brötchen (salzig, herzhaft, perfekt). Unser Herr nahm bevorzugte eine Wurstsemmel und einen Capuccino.
Gestärkt begaben wir uns zur Stadtführung, angeführt von einem charmanten Wahl-Friedrichstädter aus Frankreich, der offenbar die Liebe zu Kopfsteinpflaster und Kultur entdeckte und blieb. Er verlieh der Historie einen Esprit, als würde Molière persönlich durch die Gassen flanieren. Wir hörten von Remonstranten und religiöser Toleranz, von Herzog Friedrich zu Schleswig-Gottorf, der visionär die Niederländer einlud, hier zwischen Eider und Treene eine Stadt zu bauen – inklusive der kniffligen Entwässerungsarbeiten, die jede Gummistiefelträgerin unter uns respektvoll nicken ließen. Das Stadtbild? Niederländisch wie ein Postkartenmotiv: steile Giebel, schmale Fassaden, und statt nüchterner Hausnummern kleine Bildsymbole an den Häusern. Da wohnt man plötzlich unter der Tulpe, dem Anker oder der Gans – praktischer Merksatz fürs Navi: „Biegen Sie links bei der Mühle ab!“
Unser Guide erzählte mit Wärme auch von der jüdischen Geschichte der Stadt und davon, wie die Synagoge in der Zeit des Nationalsozialismus zumindest als Gebäude gerettet werden konnte – dank des mutigen Einsatzes des Bürgermeisters. Ein Moment der Stille in der Hitze, die uns daran erinnerte, dass Sportlichkeit auch bedeutet, Haltung zu bewahren, wenn Geschichte schwer wird.
Dann folgte das, worauf alle insgeheim gewartet hatten: die Grachtenfahrt. Ein frischer Windhauch und Wasserblicke, die jeden Schrittzähler milde stimmen. Vom Boot aus zeigte Friedrichstadt noch einmal sein bestes Profil: Brücken, Backstein, Blumen an den Fenstern – und hier und da ein freundliches Winken von Ufer zu Ufer. Unser Kapitän erklärte, die Stadt sei wie ein kleines Gedicht. Wir nickten – und tranken Wasser.
Gegen 16:30 Uhr traten wir, sonnenverwöhnt und an Eindrücken reich, den Rückweg an. Die Bahn empfing uns diesmal mit dem leisen Summen und gottlob einer funktionierende Klimaanlage Resümee des Tages: Friedrichstadt ist ein Kleinod mit großem Herz, Geschichte mit Haltung, und einer Prise Holland, die Lust macht, wiederzukommen. Wir brachten Souvenirs mit: ein paar Tulpenmotive im Kopf, salzige Fischbrötchen-Freude im Herzen, reichlich Schnappschüsse auf dem Handy und die Erkenntnis, dass eine Seniorensportgruppe mit Humor und Hut jeder Hitzewelle gewachsen ist. Und unser Hahn im Korb? Tapfer bis zum Schluss – und bekam dafür einstimmig den inoffiziellen Titel „Mannschaftskapitän der Grachten“.



